Barcelona, 07. Juni 1926
Es ist warm an diesem Junimorgen, die ersten Menschen genießen bereits die Sonne in den Cafés rund um den Parc de la Myrurgia, wo sie mit ausgebreiteten Zeitungen sitzen, rauchen und nur gelegentlich das raschelnde Umblättern mit einem Grunzlaut quittieren, wenn sie eine besonders interessante Nachricht lesen.
Antoni hat für all das keinen Blick, als er schnellen Schrittes die Carrer de Provenca heraufkommt. Das Weltliche berührt ihn dieser Tage sowieso nur am Rande, wenn ihn sein Assistent zwingt, etwas zu essen beispielsweise oder ihm nach stundenlanger Arbeit, gebeugt über seine Zeichnungen im Halbdunkel seiner Werkstatt, den Krug Wasser zum Mund führt.
Er fühlt sich elektrisiert, die skeptischen Blicke mancher Passanten wenn sie ihn von oben bis unten mustern, seinen langen, fusseligen Bart, die abgetragene Hose voller Staub und Gips und das fleckige Hemd unter dem geflickten Jackett zur Kenntnis nehmen, kümmern ihn nicht. Heute noch weniger als sonst, hat ihn doch die Predigt des Padres im Oratorium des heiligen Philipp Neri, das er jeden Morgen noch vor dem ersten Geklapper der Gemüsehändler zu besuchen pflegt, heute besonders ergriffen.
Wobei er nicht mehr mit Sicherheit sagen kann, ob es tatsächlich der Inhalt der Predigt war oder vielmehr das Licht, dessen Einfall durch das große Buntglasfenster an der Ostseite der Kirche er wie gebannt beobachtet hatte. Wie es sich an den schmiedeeisernen Streben brach, wie es mit jeder Minute, die verstrich, lang und länger zu werden schien und allmählich das ganze Kirchenschiff in ein goldenes Licht tauchte, in dessen Schein winzige Staubpartikel wie Sternenstaub tanzten. Er hofft, dass er nicht unhöflich gewesen ist, als er aufsprang und mit hallenden Schritten aus der Messe hastete, mit einem klaren Ziel vor Augen. Er hofft, dass der Padre seine Predigt beendet hatte oder zumindest Nachsicht mit ihm haben wird.
In Momenten wie diesen, hallen manchmal die Worte seines Professors in ihm nach: Man wüsste nicht, ob man das Architekturdiplom einem Genie oder einem Verrückten gegeben habe. Er sieht sich nicht als Genie aber er weiß, dass diese Idee groß ist und sein Lebenswerk, dieses wahnsinnig wundervolle Projekt, dem er sich nun seit einigen Jahren gänzlich verschrieben hat, weiter vorantreiben wird. Es ist nicht mehr weit bis zur Baustelle, wo sich die ersten vier seiner Türme bereits in den Sommerhimmel strecken und er beschleunigt seine Schritte etwas mehr. Zu groß ist die Angst, dass ihm dieser Gedanke wieder entgleitet oder im Trubel seiner Ideen, die wie Wellen über ihn hereinbrechen, untergeht bevor er ihn zu Papier bringen kann. Antoni weiß auch, dass er die Vollendung dieser Kathedrale nicht mehr erleben wird, umso mehr Sorgfalt legt er in seine Modelle und Pläne, seine Skizzen, die mehrere Regale in seiner Werkstatt füllen und aus jedem freien Fach seines Schreibtischs quillen. Er macht sich längst nicht mehr die Mühe, seine Wohnung aufzusuchen, er schläft in seiner Werkstatt, auf einer einfachen Pritsche oder meist vornübergebeugt auf seinem Schreibtisch, bis ihn die Glockenschläge zur heiligen Messe aus den umliegenden Kirchen am Morgen wecken.
Majestätisch erhebt sich die Sagrada Familia am Horizont, als er um die nächste Straßenecke biegt. Die Geburtsfassade, sein größter Stolz und beinahe fertig gestellt, wird von der Morgensonne nahezu angestrahlt, doch Antoni nimmt sich keine Zeit, um den Anblick zu genießen. Er kennt ihn in und auswending, könnte blind jedes einzelne Detail jederzeit wieder zu Papier bringen oder aus Kupfer und Stein formen.
Ja, so wird er es machen, so wird das Zusammenspiel aus Licht und Schatten, aus Freude und Leid noch imposanter werden, noch eindrucksvoller, noch göttlicher. Gleich als Erstes wird er seinem Assistenten auftragen, die Bildhauer hereinzurufen, man muss nach dem Glaser schicken. Gleich ist er da, er muss nur den Platz überqueren, er kann die Idee förmlich greifen, er sieht es klar vor sich. Er sieht es klar vor sich, als sein Kopf auf dem Pflaster aufschlägt. Er sieht, wie sich das Licht bricht, orange-golden alles ausfüllt bevor es immer dunkler wird und nur noch der Sternstaub vor seinem Auge tanzt.