Das Nudelholz
Samstagvormittag in eine Mall zu gehen ist normalerweise eine der schlechtesten Ideen überhaupt, gleich nach Hunkemöllerlagerverkauf und AirPods bei Aldi. Lockdownbedingt ist jedoch kaum etwas los, nur Super- und Drogeriemärkte sind geöffnet. Wir sind auf dem Weg zu Müller, um ein Nudelholz zu kaufen. Wir haben uns für einen virtuellen Pastakochkurs angemeldet, höchste Zeit also, sich eins zu besorgen. 14,99€. Ganz schön teuer. Mein Verhältnis zu Geld ist immer noch gespalten, auch 5 Jahre nach Studienende bricht der Sparzwang noch manchmal durch, obwohl ich am Vortag ohne mit der Wimper zu zucken den gleichen Betrag für zwei Bagels mit Kaffee bezahlt habe. Ich bin eine hedonistische Sparerin.
Ich drehe das recht schwere Wellholz in meinen Händen, schaue es von allen Seiten an, nicht sicher, anhand welcher Merkmale ich die Qualität dieses Exemplars beurteilen sollte. Braucht man wirklich ein Nudelholz? Hat man es nicht 10 Jahre lang nach Auszug bei den Eltern auch wunderbar ohne Nudelholz geschafft? Ich erinnere mich an diverse WG-Konstellationen, in denen Weihnachtsplätzchen gebacken und Pizzateig ausgerollt wurde. Meist reichte eine einfache Weinflasche, halbherzig von außen abgespült bevor man sie mit Mehl bestäubte und den Teig ausrollte. Das Beste daran: sobald der Teig im Ofen war, trank man den Wein aus der Flasche - schön handwarm und ohne die Flasche von Teigresten zu befreien. 1,79€, ungarische Mädchentraube aus dem Netto.
Aus der ungarischen Mädchentraube bin ich rausgewachsen, ich würde jederzeit 14,99€ für eine Flasche Wein bezahlen. Aber für ein Nudelholz?
Es geht mir nicht nur ums Geld. Unsere Küche ist bereits voll von Küchengeräten, die sich über die Jahre, Umzüge und Beziehungen angesammelt haben. Ich hätte auch gern einen Reiskocher aber es gibt keine freie Oberfläche mehr, wo dieser stehen könnte. Wir haben bereits angefangen, selten genutzte Vasen, das Raclette und Omas Goldrandgläser auf die Hängeschränke zu räumen wo sie langsam aber sicher von einer Schicht aus Staub und Fett überzogen werden.
Wie oft wird man also Kekse backen oder selbst Pasta machen und wie oft wird man das Nudelholz von A nach B räumen, sperrig wie es ist passt es in keine Schublade. Ich sehe schon, wie es aus dem Hängeschrank rollen wird, wenn man die Tür nicht schnell genug wieder zuschlägt. Es wird sich zum Pizzaschneider, zur Spaghettizange, Salatschleuder und Smoothiemaker gesellen. Friedhof der Küchengeräte.
Wir haben aufgehört, auszugehen. Das Nudelholz zu kaufen fühlt sich an, als hätte ich das letzte bisschen Hoffnung jemals wieder durch die Nacht und um die Häuser zu ziehen aufgegeben. Es besiegelt mein Schicksal: wenn die Pandemie vorüber ist, werde ich einfach weiter Plätzchen backen, keinen harten Alkohol mehr trinken und 22:30 im Bett liegen. Es sind weder Kinder, noch Heirat oder Wohnungskauf. Das wirklich wahrhaftige Symbol für unumkehrbar Erwachsensein ist das Nudelholz.
Ich kaufe es. Man ist ja nicht mehr 21.